Grundlagen Systemischer

Therapie bzw. Beratung

Eine Einführung

Theorie, Entwicklung und psychologische Grundlagen Systemischer Beratung und Therapie

Inhaltsverzeichnis

1.    Allgemeines
2.    In der Praxis
3.    Entwicklung
4.    Systemische Modelle
       I  Klassische Modelle
       II  Kybernetik 2. Ordnung
       III  Narrative Ansätze


1.   Allgemeines

Die Systemische Therapie stellt neben Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse und den humanistischen Therapien eine weitere bedeutende Therapieform dar.

Der Ansatz entwickelte sich zunächst Mitte des 20. Jahrhunderts als „Familientherapie“, erweiterte sich zunehmend unabhängig von der reinen Familienarbeit. Heute ist er in Kliniken und Gruppen ebenso zu finden wie im engeren Rahmen der Einzel-, Paar- und Familienarbeit.

Nicht die Fragen „Wer hat das Problem oder die Symptome und seit wann und warum?“ sondern die Fragen „Wer ist als bedeutsames Mitglied des jeweiligen sozialen Kontextes zu sehen und wer beschreibt „das Problem“ wie?“ sind in der Systemischen Therapie von Bedeutung. Der Einzelne verursacht die Problematik nicht, sondern sie begründet sich auf die Beteiligung vieler interagierender Personen, deren Annahmen und Wirklichkeiten.

Die Betonung hierbei liegt darauf, daß Kommunikation zentral ist. Sie ist es, aufgrund dessen das Gebilde „Wirklichkeit“ Ergebnis sozialer Konstruktion ist und diese über Kommunikation stattfindet. Daraus folgt, jeder hat seine jeweilige Sozialisation und somit seine einzigartige Konstruktion der „Wirklichkeit“. Ergo ist sie nicht objektiv erfaßbar oder von objektiver Gültigkeit. Woraus sich ergibt, daß jede Beschreibung gleichsam bedeutsam ist.

Wie arbeitet nun die Systemische Therapie? Vornehmlich achtet sie auf die Ressourcen des Einzelnen/des betrachteten Systems und stellt jenes in den Vordergrund, was bereits funktionell war und/oder als Lösung oder zur Lösung beitragen kann. Dies ist insbesondere von verstörend bzw. irritierend, da man im allgemeinen gewohnt ist, das aufzuzeigen, was nicht funktionell war oder was als störend gesehen wird. Es ist also bedeutsam neue Konstrukte zu finden, neue Ideen, auf Ideen zurückzugreifen die erfolgreich waren. Eine weitere wichtige Komponente ist das Aufzeigen von neuen Informationen und Anregungen der anderen am System Beteiligten. So können diese zur Lösung zur Verfügung gestellt werden und eröffnen den Blick auf eine alternative Konstruktion der „Wirklichkeit“.

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2.   In der Praxis

Was bedeutet Systemisches Arbeiten für den Kunden. Wie wird der Systemische Ansatz in das Anwendungsfeld Praxis übertragen?
  • Die Systemische Therapie arbeitet konstruktiv, sie ist lösungs- und zukunftsorientiert.
  • Es geht nicht darum die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern darum diese in das Hier und Jetzt zu integrieren.
  • Der Klient wird nicht als Patient gesehen, sondern als Kunde. Der Dienstleistungsgedanke wird explizit in der Systemischen Therapie und Beratung hervorgehoben.
  • Der Kunde wird als "Kundiger" verstanden, sie/er ist die/der Fachfrau/Fachmann für ihr individuelles Leben, für ihre/seine besondere Lebensgeschichte und für die persönlichen Ziele, die mit einer psychologischen Beratung oder therapeutischen Therapie erreicht oder verbunden werden sollen.
  • Sie arbeitet nicht mit herangetragenen Lösungsvorschlägen, sondern baut auf Ihre Kompetenz und den von Ihnen bisher erfahrenen Erfolgen. Lösungen werden auf Basis Ihrer Erfahrungen, Ihres Umfeldes und Ihrer Ressourcen erarbeitet.
  • Die Person, die "anscheinend" das "Problem" hat oder nach Außen sichtbar zeigt, wird als Indexpatient gesehen, d.h. nicht er ist das Störende oder mit diesem unweigerlich verhaftet, sondern er/sie ist der Indikator, derjenige der darauf aufmerksam macht, daß eine Störung im System existiert.
  • Sie ist am Kontext interessiert. Wie wird das Problem von anderen definiert, wie nehmen diese es wahr, wie reagieren sie und wie verhalten sie sich.
  • Die Dynamik und Organisation von Beziehungen wird unter Berücksichtigung der jeweils individuellen Erlebenswelt der Beteiligten und der jeweiligen Verhaltensmuster eruiert.
  • Sie fördert eine klarere Kommunikation, hilft neue Informationen an den Einzelnen / das Paar / die Familie heranzutragen.
  • Sie macht es möglich bisher verborgene Kräfte zu aktivieren bzw. zeigt Ressourcen auf, die durch das Problem oder die Krise entstanden sind oder bereits vorhanden waren.

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3.   Entwicklung

Der Ansatz entwickelte sich zunächst Mitte des 20. Jahrhunderts als „Familientherapie“, erweiterte sich jedoch zunehmend unabhängig von der reinen Familienarbeit.
Die verschiedenen forschenden Gruppen waren die „Palo Alto“-Gruppe (MRI) in den USA (Mitglieder: Virginia Satir, Paul Watzlawick; Gregory Bateson und Jay Haley), das „Mailänder Team“ (um Selvini Palzzoli, Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin) und die „Heidelberger“ (Helm Stierlin). Jüngere Institute und Richtungen sind die Lösungsorientierte Kurz-Therapie (z. B. De Shazer), im deutschen Sprachraum in Weinheim (v. Schlippe, Lenz, u.v.a.) und um die Hamburger Arbeitsgruppe um Kurt Ludewig zu finden. Im ozeanischen Raum mit einem narrativen Ansatz sind Michael White und David Epston zu benennen.

Aufgrund der Größe und weitmaschigen Vernetzung der systemisch Arbeitender können an dieser Stelle nicht alle Forschenden und Pioniere berücksichtigt werden.

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4.   Systemische Modelle

Allgemein lassen sich drei Modelle zusammenfassen, die als Basis verschiedene theoretische und philosophische Ansätze zu Grunde legen und aus welchen unterschiedliche Methoden und Modelle hervorgingen:

I     Klassische Modelle
II   „Kybernetik 2. Ordnung“
III  Narrative Ansätze

   I   Klassische Modelle

Bei den Klassischen Modellen sind die Strukturelle Familientherapie (z. B. Minuchin, 1977), das Mehrgenerationen-Modell (z. B. Stierlin, 1978), die Erlebnisorientierte Familientherapie (z. B. Satir, 1990), die Strategische Familientherapie (z. B. Haley, 1977) und die Systemisch-kybernetische Familientherapie (Palazzoli et al., 1977) zu benennen.

Innerhalb der Strukturellen Familientherapie, die aus dem Strukturalismus als Quelle hervorgeht, wird mit dem Herausfordern und Festlegen von Grenzen und der Stabilisierung von Subsystemen gearbeitet. Begriffe, die sie umschreiben, sind die Struktur, Grenzen und Hierarchien.

Das Mehrgenerationen-Modell begründet sich auf die Psychoanalyse. In ihm wird über das aktuelle Geschehen hinaus zentral mit der Klärung und Berücksichtigung von Vermächtnissen vorhergehender Generationen und deren Erfüllung gearbeitet, so daß Verhalten, Erleben und Symptome durch sie Sinn erhalten. Die unsichtbaren Bindungen über Generationen sind wichtige Betrachtungen dieses Modells.

Bei der Erlebnisorientierten Familientherapie ist die generationsübergreifende Perspektive ebenfalls im Konzept enthalten, es wird jedoch der individuelle Selbstwert innerhalb der Kommunikation explizit berücksichtigt. Die Familienskulptur als kreative Methode dieser Richtung ist noch heute eine zentrale systemische Methode. Das selbige gilt für das Reframing.

Die Quelle für die Strategische Familientherapie (Familie als kybernetischer Regelkreis) und die Systemisch-kybernetische Familientherapie (Bsp. Das Familienspiel) bildet die Kybernetik. In ihnen wird mit vielfältigen, kreativen und außergewöhnlichen Interventionen versucht die Homöostase des Systems aufzubrechen, um in andere Systemzustände übergehen zu können. Es wird nach einfachen Lösungen gesucht. Die Mittel heißen Paradoxie, Ordeals, Hausaufgaben, Zirkularität, Hypothetisieren, Neutralität und Paradox.

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     II   Kybernetik 2. Ordnung

Innerhalb der Kybernetik 2. Ordnung sind die Systemisch-konstruktivistische Therapie (Boscolo et al., 1988; Stierlin, 1988) und das Reflecting Team (z. B. Anderson, 1990) einzuordnen.

Für die Kybernetik 2. Ordnung und die Systemische Therapie ist das „Mailänder Modell“ und seine Entwicklungen prägnant. Die Familie ist ein regelgeleitetes System (Konstruktivismus), d. h. auch in der Familie entwickeln sich Regeln, die die Verhaltensspielräume der Beteiligten beschreiben und begrenzen. Im Falle einer Familie mit klinischer Problematik bedeutet dies, daß ein System entstanden ist, welches sich durch Transaktionen reguliert, die die störenden Symptome bedingen bzw. aus ihnen hervorgehen. Die Regeln bestimmen folglich das System. Therapeutisch antwortet man auf diese Konstellation resultierenden paradoxen Anfrage: „Verändert uns, ohne uns zu verändern!“ mit einem Gegenparadox: „Wir können euch nur dann ändern, wenn ihr euch nicht ändert!“.

Zentrale Methoden der Systemisch-konstruktivistischen Therapie sind unter anderem die Zirkulären und Hypothetischen Fragen. Familienspiele werden als Sprachspiele betrachtet.

Im Reflecting Team sieht man die Menschen als Konstrukteure multipler Realitäten. Aufgrund der einzigartigen Sozialisation bewertet der Einzelne die Realität individuell. Es gibt somit unendlich viele Zuordnungen/Konstruktionen der „Wahrheit“. Methoden sind das Reflecting Team und die Kooperation.   

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     III   "Narrative Ansätze"

Narrative Ansätze werden unter anderem durch "konstruktive und hilfreiche Dialoge" (Anderson und Goolishian, 1990), die Therapie als Dekonstruktion (z. B. White) und die Lösungsorientierte Kurz-Therapie (z. B. De Shazer, 1989) vertreten.

Innerhalb der „Narrativen Therapie“ wird auf die Art und Weise der Erzählungen geachtet, die Systeme konstituieren.

Die Wirklichkeit ist durch Geschichten aufgebaut. Dies soll heißen, daß zum einen die Sprache an der Modellierung der Realität beteiligt ist und zum anderen die durch sie mitvermittelten Bedeutungsmuster. Folgt man dieser Gedankenkette dann ist die Art und Weise wie Geschichten erzählt werden gleichbedeutend mit der Frage: Welche Geschichten bestimmen Dein Leben? Aus ihr kann man den Prozeß der Veränderung anstoßen und fragen, ob man diese Geschichtensysteme ändern möchte.

Die Veränderungen der Geschichten (Dekonstruierung) erreicht man unter anderem durch alternatives Wissen (z. B. Ausnahmen (Wann hast Du Dich erfolgreich geweigert, dieser Geschichte zu glauben? Wie hast Du nein gesagt? Was war die Einladung?) oder der Externalisierung, in welcher das Symptom samt positivem Nutzen verbildlicht und verknüpft wird.

Das Vorgehen der Narrativen Ansätze geht direkt zu den Ressourcen einer Person und konzentriert sich überhaupt nicht auf Defizite.  

Bei der „lösungsorientierten Kurztherapie“ ist der Name Programm. Von der ersten Frage an wird direkt in Richtung Lösung gearbeitet. Das Problem wird unter dem Aspekt De Shazers betrachtet: „Über Probleme sprechen, fördert sie und über Lösungen sprechen, bedeutet Lösungen zu kreieren.“. Ebenso wie im Narrativen Ansatz sind hier die Ressourcen der Personen oder des Systems von zentraler Bedeutung.  
Das bekannteste Instrumentarium dieses Ansatzes ist die Wunderfrage.

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